Johannes
schrieb am 6. April 2026 um 17.51 Uhr
Wenn Du gehst - Udo Lindenberg
Wir gehören zusammen, bis ans Ende der Zeit
Nichts was uns trennen kann
Und wir beide dachten, dass es immer so bleibt
Doch es kommt so anders als man denkt
Wer hat diesen Trip sowas von umgelenkt
Wenn du gehst kracht der Himmel ein
Und die Sonne, sie hört auf zu scheinen
Und die Nächte werden endlos sein
Wenn du von mir gehst
Mit deinem kleinen Koffer in der Hand
Verschwindet du in der Nebelwand
Und ein andrer nimmt dich an die Hand
Wenn du von mir gehst
Packst deine Siebensachen, hey muss das echt sein
Gehst auf die große Reise doch du gehst ganz allein
Ein letzter Blick, es gibt keinen Weg zurück
Die Weichen sind gestellt
Doch du bleibst in meinem Herzen
Bis der letzte Vorhang fällt
Wenn du gehst kracht der Himmel ein
Und meine Sonne, sie hört auf zu scheinen
Und die Nächte werden endlos sein
Wenn du von mir gehst
Mit deinem kleinen, Koffer in der Hand
Verschwindest du in der Nebelwand
Und ein andrer nimmt dich an die Hand
Wenn du von mir gehst
Das mit uns beiden, ist so was von groß
Das wird immer bleiben, wir lassen uns nicht los
Und wie zwei Kometen, ziehen wir unsere Bahn
Doch eines fernen Tages sehen wir uns wieder irgendwann
Mit deinem kleinen Koffer in der Hand
Verschwindest du in der Nebelwand
Und ein andrer nimmt dich an die Hand
Wenn du von mir gehst
Wenn du von uns gehst
Songschreiber: Udo Lindenberg, Simon Triebel, Martin Tingvall.
Lieber Olli,
der Tod ist ein Irrtum, ich krieg das gar nicht klar, doch Dein Bruder Holger rief mich an und sagte, es ist leider wahr. Es ist wahr und alles ist so unfassbar – unfassbar traurig.
Lieber Olli, den letzten Jahreswechsel 25/26 haben wir zusammen in Borkheide gefeiert. Zusammen gekocht, getrunken, mit den Kindern Karten gespielt – aber vor allem haben wir beide Billard gespielt. So wie früher, so oft und so intensiv.
Wir kennen uns jetzt 50 Jahre. Haben zusammen im Posaunenchor Talle angefangen zu blasen, als Du 10 und ich erst 7 war. Später machten wir zusammen den Chorleiterlehrgang. Du hast dieser Lehre die Kür folgen lassen und dem Posaunenchor Talle so lange als musikalischer Leiter und Dirigent gedient. DANKE!
Zusammen spielten wir beim TuS Talle Fußball und ich durfte Dir einige Pässe in Deinen so sprintschnellen Lauf zum Tor auflegen. Du mir auch, zumindest wenigstens einmal, was aber eher an meinen mangelnden Vollstrecker- denn an Deinen Passqualitäten lag. DANKE!
Stundenlang war ich beinah jeden Tag in meiner Jugend Gast im Hause Uthoff und genoss Wolframs köstliches Barre-Bräu und Erikas vorzügliche Taller Brotkäsestullen. DANKE! Wir spielten am C64 und später an Deinem hochwertigeren Amiga stundenlang Elite, SimCity oder Gatekeeper, aber natürlich auch Skat in so mancher Nacht. Und wir hörten Musik – nur wenn sie laut war. Wir haben durchgemacht bis zum Frühstück. Zusammen mit Holger. DANKE!
Du fingst an, Lautsprecherboxen zu bauen. Und irgendwann, als ich mein erstes Geld in der Metallindustrie bei Isringhausen verdiente, wollte ich auch solche „Hamsterkäfige“ mit Dir zusammen bauen. Es wurden eher Kindersärge von der Größe her. Zwei komplette Monatslöhne – in Worten: ZWEI komplette Monatslöhne – habe ich investiert, weil Du meintest, wenn schon, dann sollten wir was Hochwertiges bauen. Und es wurde etwas wirklich Hochwertiges: Ein Traum in Peugeot-Dunkelgrün-Metallic mit dem Sound eines sündhaft teuren Bändchenhochtöners und erdigen Bässen zum Mit-der-Zunge-Schnalzen. Mein Schatz!
Noch am 2. Januar diesen Jahres haben wir einen stundenlangen Hör- und Soundcheck mit den Songs aus unserer Zeit gemacht, und Du warst selbst wieder von Dir überrascht, was für ein brillantes Lautsprecherpaar Du da vor 39 Jahren konstruiert hattest. Und was trotz des Alters kein bisschen verstaubt klang, sondern lebendig. So wie Du und unsere Freundschaft.
Ja, da wurden sie lebendig, die Erinnerungen aus unserer Jugendzeit, wo wir so viel Zeit miteinander verbracht haben, wie es wohl nur Ehepartner später aushalten – oder eben manchmal auch nicht. Ich konnte Dich immer gut aushalten und Du mich wohl auch. An viele interessante und streitbare Diskussionen zu allen möglich wichtigen Dingen dieser Welt erinnere ich mich – wie zum Beispiel die Lautstärkenimpedanzmessungsunempfindlichkeit einer Sinuskurve oder auch nur, welcher Typ der beste Bassist auf diesem Planeten ist. Aber wirklich boshaft gestritten haben wir uns nie. DANKE!
Wir waren zusammen mit Holger und Hauke und später Jens „H3O“ (H-Drei-O!). Unvergessen unsere H3O-Disco im Alten Krug mit unserem tollen Wirt Günter Nolte und ein paar Absackern nachts um 04:00 Uhr nach Ende der Tanzveranstaltung am Stammtisch. „Ulla, mach doch bitte nochmal fünf Vodka-Feige!“
Wir waren jung und hatten kein Geld, so musste dann der elterliche Diaprojektor als Punktstrahlerersatz für unseren ersten Lichteffekt – eine Spiegelkugel, die angestrahlt werden wollte – umfunktioniert werden. Wir investierten die spärlichen Einnahmen, die wir mit dem TuS Talle teilten, vollumfänglich in die Aufrüstung unserer Musik- und Lichtanlage. Weil wir es geil fanden und es nicht ums Geld ging. Wir schraubten unter Deiner Anleitung als Radio- und Fernsehtechniker unsere eigenen Lichtsteuer- und DJ-Pulte, weil das billiger war und auch in gewisser Weise eine coole Maßanfertigung.
Dann später sogar Gastspiele mit unserer rollenden Disco in Lippe und auf Hochzeiten und Polterabenden. Und natürlich Rosenmontag vor 3000 Gästen in der Schloßscheune. Wir in unseren silberfarbenen Ballonseide-Trainingsanzügen von Puma, die wir alle als Spieler des TuS Talle hatten, auf der Bühne: „Hyper, Hyper!“ Und das unvergessene: „Seid Ihr gut drauf?“
Dann viel später, auf der Nachfeier von Utes und Susis 50. im Jahre 2023, haben wir, verstärkt durch Rainer, nochmal H3O aufleben lassen (Holger hatte leider Corona!) und es machte Spaß wie eh und je. Wir hatten so viele weitere Feste geplant. Die Hoffnung, nochmal von den alten „Groupies“ (okay, das ist jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben) als DJs verpflichtet zu werden, war immer da. Meinen 60. Geburtstag wollte ich groß feiern, Deinen Renteneintritt wolltest Du auch zelebrieren usw. Vorbei. DANKE!
Du holtest mich damals für ein Gastspiel in die Kirchenband als Udo-Double für die Hochzeit von Eva und Thomas in Hamburg, was dann einige weitere Auftritte nach sich zog – das hat riesig Spaß gemacht und war mir eine Ehre! DANKE! Das wollten wir eigentlich als Rentner wieder aufleben lassen, aber das wird nun leider auch nichts mehr. Denn was wären die Beatles ohne ihren Bassisten Paul McCartney? DANKE!
Unsere „illegalen“ Fahrten ohne Wissen meiner Eltern zu ein paar feschen Mädels ins Ruhrgebiet mit anschließend verhängtem Hausarrest: „Such a shame“. Aber wir zogen immer das „Welcome to the Pleasuredome“ und die damit verbundenen „Lessons in Love“ vor. DANKE!
Die Freitagabende fuhren wir nach dem Posaunenchor los ins Le Clou, in den Studentenclub, manchmal in den Go Parc nach Herford, wo Du mit Deinen unwiderstehlichen Tanzeinlagen die Blicke der Mädels auf Dich zogst – und für mich dabei auch immer etwas abfiel. Unsere Stammkneipe war aber ... ick hör Dir trapsen, die Nachtigall. Dort, wo wir regelmäßig des Nächtens kurz vor Ende der Essensausgabe noch schnell einen Strammen Max mit einem oder mit zehn Eiern bestellten (es war der gleiche Preis, weshalb ich nicht erwähnen muss, welche Proteinmahlzeiten wir uns da immer zu später Stunde reinpfiffen). DANKE!
Unvergessen die erste gemeinsame Reise in Deinem roten R4 mit – heute unvorstellbaren – 34 PS nach Jugoslawien über den Wurzenpass, mit am Berg Aussteigen und Schieben. Zelten in Poreč und auch immer ein bisschen Mädels anschnacken. DANKE! Später dann in meinem hellblauen 205er zusammen mit Jens nochmal runter bis Dubrovnik und Übernachten bei Schneetreiben hoch oben auf der geschlossenen Grenzstation des Timmelsjoch bei +4 Grad im Auto. Oder die abenteuerliche Reise in Deinem Fiesta und meinem „hellblauen Hirschen“ nach Rumänien und Transsylvanien mit Susi, Dunja, Ute und Holger H. Zelten in den Karpaten mit heulenden Wölfen und hungrigen Braunbären. DANKE!
Dann haben wir uns auch durch meinen Umzug nach Berlin 1989 deutlich weniger gesehen. Als wir dann alle unsere eigenen Befassungen mit Beruf, Frau, Haus und Kindern, Eltern hatten, blieb auch einfach wenig Zeit. Man verlor sich zwar ein wenig aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn. Und immer wenn wir uns – wenn auch seltener – sahen, war es wie früher. DANKE!
Und nun, als Du mich Mitte Dezember letzten Jahres kontaktiertest: „Hannes, was machst Du eigentlich Silvester?“, da war plötzlich die Option, das alte Vertraute wieder zu erleben. Wiederzubeleben. Du warst bis dahin nur ein einziges Mal in Borkheide gewesen. Immerhin einmal mehr als die Gesamtheit meiner Brüder, aber das ist ein anderes Thema. Und so erlebten wir wunderbare gemeinsame Stunden bzw. Tage.
Wir ließen die Balken in der altehrwürdigen Grade-Villa unter den wummernden Bässen und schillerndsten Höhen Deiner – meiner – grünmetallicfarbenen Lautsprecher beben, sodass Andrea und meine Mädels eine Etage drunter spürten, wie die Dielen knarrten in der Resonanz der Sinuskurven. Und wir spürten auch gegenseitige Resonanz. Und wir wollten – jetzt, wo unsere eigene Befasstheit mit den Obliegenheiten des Lebens uns ein bisschen weniger in Anspruch nehmen würde – die alte Zeit und unsere Freundschaft wiederbeleben.
Du meintest, dass Du beim nächsten Mal nicht nur eine Kiste Herforder als Gastgeschenk für einen von der heimatlich-ostwestfälischen Muttermilch abgeschnittenen Brandenburger mitbringen wolltest, sondern auch Dein eigenes Billard-Queue, welches Du immer in einem kleinen Koffer transportiert hast, damit Du beim nächsten Mal wieder öfter gewinnen würdest gegen mich, sagtest Du!
Was ein Anfang werden sollte, ist nun jäh zu Ende. Der Schmerz ist nicht in Worte zu fassen. Er ist aber tief drin in meinem und auch in Euren Herzen. Und so schwer es auch fallen mag: Lasst uns DANKbar zurückblicken auf das, was wir an Olli hatten. Ich blicke dankbar zurück auf die gesamte gemeinsame Zeit. Insbesondere aber auch auf unser letztes intensives Treffen. Und irgendwie bilde ich mir ein, dass der liebe Herrgott da noch einmal Regie führte und uns dieses gemeinsame Wochenende zum Abschied geschenkt hat. Ein Abschied, der eigentlich ein Wiederanfang werden sollte.
Mit Deinem kleinen Koffer in der Hand verschwindest Du in der Nebelwand, der liebe Gott, der nimmt Dich an die Hand, wenn Du von uns gehst! Du reist jetzt schon mal vor, doch irgendwann ... dann folg ich Dir.
Bis denne, lieber Olli. und DANKE!